Stellungnahme einer Leserin zum unpassenden FMK-Vergleich

Zum „Offenen Brief der FMK an Professor Hutter vom 29.11.2017“

Die FMK vergleicht die „Gefährlichkeit“ von Mobilfunk mit der von Aloe Vera-Extrakt, Kokosnussöl und Ginkgo-Biloba-Extrakt – „Dabei ist Mobilfunk so „gefährlich“ wie Ginkgo-Biloba-Extrakt – sagt die zitierte IARC“, und bemängelt: „Leser werden mit der Einschätzung des Risikos allein gelassen“, und spricht von „Ängsten“, die durch Fehldarstellungen der „Gefährlichkeit“ ausgelöst werden.

Diese Darstellungen der FMK sind in mehrfacher Hinsicht unwahr und irreführend.

Zum einen handelt es sich nicht um Ängste, sondern Befürchtungen. Ängste sind diffus und eher grundlos, Furcht hat einen Anlass, ist begründet.

Viel gravierender ist aber, dass die Klassifikationen der IARC keinesfalls die „Gefährlichkeit“ als Erkrankungsrisiko, sondern einzig die vorliegende Evidenz beschreiben, mit der ein Stoff irgendeinen Krebs bei irgendeiner Dosierung irgendwann hervorrufen kann. Es wird durch die Gruppenzugehörigkeit nichts per se über erforderliche Dosierungen zur Krebsauslösung, Eintrittswahrscheinlichkeiten, tatsächlich ausgelöste Krebsarten, Krebsaggressivität, Krankheitsverläufe, Krebsmortalitäten etc. ausgesagt.

„Risiko“ und damit auch „Gefährlichkeit“ korrelieren mindestens zu Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens und erwartetem Schadensmass positiv – zu beiden Größen sagen die IARC-Klassifizierungen nichts aus.

Siehe <https://en.wikipedia.org/wiki/International_Agency_for_Research_on_Cancer>:

„The IARC categorizes agents, mixtures and exposures into five categories. **Note that the classification is based only on the strength of evidence for carcinogenicity, not on the relative increase of cancer risk due to exposure, or on the amount of exposure necessary to cause cancer.**“

Das von der FMK bemühte „Factsheet 296“ zu EHS stammt von 2005, dieses 12 Jahre alte Papier kann als nicht mehr zeitgemäße Einschätzung betrachtet werden. Das Dokument legt sogar am Schluss nahe:

„Researchers: Some studies suggest that certain physiological responses of EHS individuals tend to be outside the normal range. In particular, hyper reactivity in the central nervous system and imbalance in the autonomic nervous system need to be followed up in clinical investigations and the results for the individuals taken as input for possible treatment.“

Das lässt die Möglichkeit einer physiologisch bedingten Reaktion auf elektromagnetische Felder erst einmal offen. Zudem erfolgte die Einschätzung hochfrequenter elektromagnetischer Felder in die Gruppe 2B erst 2012, also sieben Jahre nach dem Factsheet – eine Einschätzung als „possibly carcinogenic to humans“ könnte auch bei der WHO zu einer Neubewertung der Ursachen von EHS führen.

1991 schrieb die Strahlenschutzkommission der BRD noch in der Schrift „Schutz vor elektromagnetischer Strahlung beim Mobilfunk“:

„Es lassen sich jedoch nicht alle Wirkungen der Hochfrequenzstrahlung mit einer Energieumwandlung in Wärme erklären. So können unter Sonderbedingungen, wie über amplitudenmodulierte HF-Felder, auch direkte Wirkungen auf Makromoleküle, Zellmembranen oder Zellorganellen induziert werden.“ sowie „Insgesamt wurde eine komplexe Abhängigkeit dieser Effekte von Intensität und Frequenz beobachtet, wobei spezielle Frequenzbereiche besonders wirksam sind. Die Membraneffekte wurden vielfach bestätigt, so daß ihre Existenz heute als gesichert gilt. Hervorzuheben ist, daß die SAR-Werte hierbei teilweise kleiner als 0,01 W/kg sind und damit erheblich unterhalb thermisch relevanter Intensitäten liegen.“

Ein möglicher experimentell vielfach belegter nichtthermischer Wirkmechanismus ist also schon sehr lange bekannt, und wurde auch in der wissenschaftlichen Fachliteratur inzwischen ausführlich beschrieben.

Nur am Rande: die IARC listet in der „Group 2B“ nicht „Koskosnussöl“, wie die FMK behauptet, sondern ein Derivat, „Coconut oil diethanolamine condensate“, Verwendung:

<https://en.wikipedia.org/wiki/Cocamide_DEA>: „It is a viscous liquid and is used as a foaming agent in bath products like shampoos and hand soaps, and in cosmetics as an emulsifying agent“.

Kleine Polemik: Wer Kokosnussöl und elektromagnetische Felder anhand der „Group 2B“-Klassifizierung der IARC vergleicht, behauptet auch, dass ein „Audi A8“ sicher nicht über 200 km/h führen könne, da der Trabbi ja ebenfalls ein PKW sei und dies nicht könne.

Man sollte sich aber über eines im klaren sein – die „Group 2B“-Einschätzung der WHO lässt sich in keiner Richtung „missbrauchen“. Die FMK versucht durch (unzulässige) Relativierung – Vergleich mit anderen harmlos klingenden Stoffen aus derselben Gruppe – das mögliche und wahrscheinliche Gesundheitsrisiko durch elektromagnetische Felder zu verharmlosen, funkkritische Gruppen sehen hingegen in der IARC-Einschätzung als „möglicherweise krebserregend“ oft eher einen Beweis des Karzinogenitäts**risikos**, was er aber nicht ist.

Die Position der IARC: es liegen Evidenzen vor, die eine Einschätzung elektromagnetischer Felder als „möglicherweise krebserregend“ erlauben. Eigentlich müsste – selbst ohne andere Quellen in Betracht zu ziehen – bei einem derart weltweit bereits jetzt wie auch in Zukunft noch viel massiver geplanten Einsatz elektromagnetischer Felder das Vorsorgeprinzip greifen. Es sollte sofort entsprechende „neutrale“ Forschung eingeleitet werden (die es bis dato nur wenig gibt, und wenn, mit welchem Ergebnis auch immer, wurde sie z.B. nicht hinreichend oft repliziert). Aber wer sollte das auf diesem heißumkämpften Wirtschaftszweig tun, wenn Bevölkerung, Politik und Wirtschaft zu 99% den Einsatz von z.B. funkbasierten Anwendungen aller Art – bis zum Abwinken – befürworten?

Krebs ist (plakativ gesagt) der ENDPUNKT einer Entwicklung, sozusagen die Spitze des Eisberges der möglichen Erkrankungen. Alle anderen Arten durch elektromagnetische Felder beförderte/verursachte Erkrankungen (auch Depressionen, neurodegenerative Erkrankungen) sind in der Summe vermutlich erheblich gesundheitsbeeinträchtigender als durch elektromagnetische Felder verursachte oder beförderte Krebsarten, auch wenn jeder durch elektromagnetische Felder bewirkte oder beförderte Krebseinzelfall natürlich tragisch ist.